Rezension: ''Mr. Typo... und der Schatz der Gestaltung''

Mr. Typo und der Schatz der Gestaltung von Alessio Leonardi erschien 2013 im Hermann Schmidt Verlag Mainz. Dort reiht es sich in eine stattliche Anzahl von Büchern über Typographie ein. Nur ist Mr. Typo das erste Typografiebuch in dem Verlag, das als Comic daherkommt oder als 'typographic novel', wie es sich selbst beschreibt. Während es für den Verlag das erste Buch von Leonardi ist, kommen weder Autor, noch dessen Thema, noch die Hauptfigur hier aus dem Nichts. Alessio Leonardi ist Professor für Visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Illustration an der HAWK Hildesheim und lebt in Berlin. Mr. Typo gab es schon 2007 in A Line of Type – 120 Jahre typographische Geschichte und 2009 zog er in Mr. Typo and the Lost Letters für Linotype gegen Schriftpiraterie ins Gefecht.

Noch immer hat das Strichmännchen Mr. Typo die gewohnt reduzierte Umgebung, die wirkt wie mit dem Tuschstift gezeichnet. Allerdings kommt zumindest mir dieses Buch aufgeräumter und klarer vor als die beiden Mr Typo-Vorgänger und zudem strahlt es nun durchgängig in starken Farben. Beide verwendeten Schriftarten wurden von Leonardi selbst entworfen, der ja bereits seit 1992 Schriften publiziert. Hier ist die tragende Schrift seine BMF Comicale Flip, die auf Leonardis Handschrift basiert. Den typisch bewegten Handschriftcharakter fängt sie dabei durch zufallsbestimmte Versionen der einzelnen Typen ein. Im Ergebnis fügt sich die Schrift in den Comic so ein, als wäre sie von Hand in die Felder geschrieben.
 

Inhaltlich befassen sich Mr. Typo, sein hundeköpfiger Assistent Tilde und der pragmatische Maus in diesem Buch mit der Gestaltung von und mit Schrift. Mal führen sie eher einen Dialog, dann wieder ist es eher ein lockerer Vortrag auf zwei oder drei Figuren verteilt.
Mitunter wird es auch ein Monolog mit sehr kleinen Zwischenfragen der Nebenfiguren, wobei auch mal wechselt, wer da erklärt. Aufgelockert wird das Ganze durch ein Heer an Statisten und eine gefühlte Horde Gags, Wortspielereien und eben auch die Grundform des Buchs als Comic. Denn hier bleibt einfach nichts, auch keine längere Textbox, so ganz ohne Bildbegleitung.
Letztlich ist das Programm des Buchs allerdings stattlich, bedenkt man, wie schmal das kleine Ding mit seinen 96 Seiten eigentlich ist. Viel Stoff wartet da auf den Leser oder den Blätterer, begreift er das Buch als eine Einführung in Typografie. Absolut alles ist hier Comic, inklusive der Einleitung, der kleinen Information zum Autoren, der Danksagung und sogar der Lektüreempfehlung, mit der das Buch schließt. Eine zusammenhängende Geschichte wird nicht erzählt, eher ist es ein munter fließendes und springendes Gespräch über Typografie und Gestaltung.
Kapitel gibt es, auf ein Inhaltsverzeichnis verzichtete Leonardi allerdings. Genauso sind die einzelnen Kapitel ganz unterschiedlich deutlich als solche zu erkennen und bleiben eher im Fluss als sich immer genau voneinander zu trennen.

 

Mal genauer...



Erst ist es die Frage, was das eigentlich ist, die Typografie. Dann wird in den 19 ersten Seiten erst einmal einiges an 'Zutaten' zur Schrift benannt – von Formen, Raum, Bilder, über Farben (und Farbräume) bis zu Formaten. Dann schließlich widmen sich Mr. Typo, Tilde und Maus ihrem eigentlichen Thema: der Schrift.
Das erste das nun folgt ist eine Mischung aus Schriftgeschichte und ein bisschen Zeichentheorie und klingt so geschrieben weit trockener als es im Buch dann aufgezogen ist. Hier deuten sich die Höhlenmenschen die nicht mehr ganz so klaren Botschaften ihrer Vorfahren, geben sich die antiken Götter, denen die Schrifterfindung zugeschrieben wird, die Klinke in die Hand,und ganz neben-bei wird nachgezeichnet, wie sich die übernommene Schrift über verschiedene Kulturen hinweg dann immer mehr wandelte.Von hier geht es dann konkret an die Schrift und es hagelt typografische Begriffe, aber das Ganze nimmt sich dabei nicht ernst.In vielen Typo-Büchern finden sich Schautafeln mit Wörtern, an denen z.B. erklärt wird, was etwa Serifen sind, oder es wird an einzelnen Buchstaben dann die ganze typografische Begrifflichkeit abgefeiert. Aber hier strahlt das Ganze in Gelb, Orange und Blau, das Beispielwort ist ein  comictypisches BANG! und ein 'Unterlängenboot' taucht da unter der Grundlinie entlang, auf der die Buchstaben stehen. Die einzelnen Buchstaben unterhalten sich über ihre Bäuche und Buckel (Bögen) oder darüber, wer größer und wer wichtiger ist.Natürlich gehen die Buchfiguren dann noch auf diese blanken Schautafeln ein, aber sie begnügen sich nicht mit Erklärungen dazu. Leonardis Mr. Typo und Maus bleiben nicht bei Breite, Lage und Gewicht von Typen stehen, sondern steuern auch die Schwierigkeiten und die verschiedenen Methoden zur Schriftenklassifikation an. Dann geht es weiter und allgemeiner über die Komposition innerhalb eines gewählten Formats, wie etwa ein Objekt in der genauen Mitte eines Blatts wirkt oder eines, das auf dem Formatrand unten liegt und ähnliches.

 

Auf der Grundlage geht es dann zum 'guten Satz'. Typo erklärt den Grauwert und auch, wie der entsteht. Von den Abständen zwischen und innerhalb der  Buchstaben geht es so weiter zu dem zwischen Zeilen und schließlich hin zu verschiedenen Satzarten. Versalien treten mit und gegen Gemeine an. Monospacefonts bekommen ihr Kapitel, mit einem samt der Verwendung des Prinzips für chinesische Schriftarten.Lockerer wird es dann wieder mit dem kleinen Kapitel 'RichtigFalsch!', in dem sich Tilde nach all den Zutaten zur Schriftgestaltung nun Rezepte und Regeln wünscht und Mr. Typo dazu rät, sich bewusst zu sein, was man wem kommunizieren will, Typographisches zu analysieren und schließlich vor allem zu experimentieren, viel zu experimentieren. Mit Ausflügen zum Gestaltungsraster und (internationaler) Interpunktion, Ascii und Unicode bewegt sich Mr.Typo dann aufs Buchende zu und da wird nochmal der Bogen geschlossen, von den Anfängen der Schrift bis hin zur digitalen Typografie und den gegenwärtigen Fragen dazu, die sich aus dem responsive Design für die Vielzahl möglicher Endausgabegeräte ergeben.

 

Fazit

Alessio Leonardis Mr. Typo und der Schatz der Gestaltung versucht sich an einem eigentlich abenteuerlichen Spagat zwischen der Übermittlung vieler Typo-Fakten und der lockeren Sprunghaftigkeit eines Comics als Form. Ganz ernst nimmt sich der Autor dabei nicht, die Gags reichen von kleinen, hübschen Albernheiten zu auch mal einem schwarzen Scherz am Rande. Dennoch sind 96 Seiten für die vielen, vielen Informationen eigentlich gar nicht besonders viel, besonders, wenn es eigentlich spielerisch und vergnügt bleiben soll. Meiner Meinung nach gelingt das am besten in den Kapiteln, die weniger Wissen in die Seiten quetschen.

 

 

Interview mit Alessio Leonardi

 

precore: Sie entwerfen ja bereits eine gute Weile Schriften, haben einen recht deutlichen Bezug zu Linotype. Wann kam dieses Interesse denn? War das schon vor oder erst während des Studiums? 

Leonardi: Ich entwarf meine erste (komplette) Schrift für meine Diplomarbeit, 1989.

precore: Bücher über Typographie und Gestaltung gibt es eine Menge. Was genau zeichnet Ihres Ihrer Meinung nach aus und vor allem: an wen richtet sich die „typographic novel'? Ist es da der totale Schriftenlaie, an den sie dachten, oder doch eher der Typointeressierte mit Vorwissen, der mit Genuss durchblättert ohne neue Informationen darin zu suchen?

Leonardi: Ja, es gibt viele Bücher über Typografie, und viele gute, die ich gerne lese und konsultiere. Ich hatte aber oft den Eindruck, dass diese Bücher eher schon interessierte Designer bis beigesetzte Typofans ansprachen, als die, die wirklich einen Einstieg ins Thema bräuchten. Unter meinen Studierenden, zum Beispiel, gibt es immer wieder begabte DesignerInnen und IllustratorInnen, die aber eine fast chronische Angst vor Schriften haben – und alles ablehnen was damit zu tun hat. Mit meinem Buch wollte ich auch sie erreichen und gleichzeitig versuchen, denjenigen die schon Ahnung und sogar viel Ahnung von Typografie haben, eine kurzweilige Unterhaltung mit Insider-Witzen anzubieten.

precore: Ihr Comic verbindet zwei Bereiche, die Ihnen wichtig sind: Illustration und Typographie. Aber was hat da den Vorrang oder stehen hier Form und Thema ganz gleichberechtigt nebeneinander? 

Leonardi: Die genannten Bereiche sind wichtig, wichtiger ist mir aber der Blick, den wir auf unsere Arbeit haben. Ich finde, es gibt viel, was man lernen kann, aber keine absoluten Wahrheiten. Wir benutzen visuelle Mittel, um zu kommunizieren. Bild und Schrift sind uns dabei so hilfreich, wie Wörter und Verben beim Satzbau. So wie in der Literatur gibt es auch in der visuellen Kommunikation unterschiedliche Arten und Weisen sich auszudrucken – und alle sind berechtigt. Was ich mit meinem Büchlein tue ist zu sagen, guck mal: was Du da tust, hat eine Bedeutung. Wenn Du dies verstanden hast, kannst Du Deine Kommunikation bewusster kontrollieren und genauer anwenden. Die Regeln sind wichtig, sie zu brechen spannender, wenn man sie kennt.

precore: Typo in der Mappe für gestalterische Studiengänge ist immer wieder im Forum Thema. Manche raten da ganz von ab, andere zu Vorsicht und manche rufen zu Unbefangenheit und Mut auf. Wie sehen Sie das? 

Leonardi: Ich freue mich immer, wenn ich Typoversuche, -skizzen, -experimenten in einer Mappe finde. Man merkt aber schnell, wenn diese drin sind, weil man der Meinung ist, sie müssen drin sein und wann sie dagegen drin sind, weil man Spaß dran gehabt hat. Ich rate in der Mappe nur reinzunehmen, was man gerne gemacht hat, nicht nur im Typobereich.

precore: Ich weiß, was die Schriften angeht, mögen Sie ja „nur die eigenen, wie jeder anständige Schriftenentwerfer“. Aber wenn Sie doch je eine von jemandem anderen benennen müssten, die Sie wirklich mögen und die Sie überhaupt nicht leiden können: welche wären das? Was überzeugt sie denn an genau der oder was schreckt ab? 

Leonardi: Prinzipiell finde ich alle Schriften schön. Zumindest denke ich, dass alle eine Berechtigung haben. Dies bedeutet nicht, dass ich jede Anwendung dieser Schriften gut heiße. Viele Kollegen (in der Lehre und im Beruf) hauen immer wieder auf dem Tisch, wenn sie die Comic Sans sehen und trichtern ihren Studierenden ein: Man darf so etwas nie benutzen! Ich finde, so etwas ist töricht. Die Frage ist, wie kann ich diese Schrift benutzen, wann könnte sie gut passen, soll ich etwas mit der Laufweite ändern, den Zeilenabstand usw. Verbote sind dumm. Diese absolute Sicherheit davon, was richtig oder falsch ist, führt zu Intoleranz. Verstehen Sie mich aber nicht falsch: ich lasse nicht alles durchgehen, im Gegenteil. Ich will wissen, warum man eine Entscheidung getroffen hat. Wenn die Begründung plausibel ist und das Ziel der Kommunikation erreicht wird, dann würde ich sogar die Rotis als Lösung akzeptieren. Was die guten Schriftgestalter angeht, es ist eine schwierige Frage: ich kenne sie (fast) alle: sollte ich einen Namen vergessen, würde ich mich unwohl fühlen. Aber den größten darf ich auf jedem Fall zitieren: Matthew Carter.

precore: Wenn Sie eine neue Schrift entwerfen, womit fangen Sie da an? Was wäre der erste Schritt oder ist der ganz unterschiedlich je nach Projekt? Gibt es etwas, wo sie sich gern die erste Inspiration holen?

Leonardi: Es sind drei Fragen! Also, zu Nummer 1: bei einem Auftrag fange ich mit dem Briefing an; bei eine Schrift, die ich einfach gestalten möchte, folge ich der Inspiration und fange meisten an, ein paar Kleinbuchstaben zu zeichnen.
Nummer 2: Es ist ganz unterschiedlich von Projekt zu Projekt, aber wenn es um das Entwerfen geht, arbeite ich zuerst auf dem Papier.
Nummer 3: Die Inspiration kann von überall kommen, die besten Ideen kommen aus den Problemen heraus, die man lösen will.

precore: Wenn Sie einem Neuling einen Rat mit auf den Weg zum Schriftengestalter geben könnten, welcher wäre das? Gibt es da eine Eigenschaft, die er unbedingt haben müsste oder einen Fehler, den er besser lassen sollte?

Leonardi: Den Rat: Vergiss es! Die Eigenschaften, die man braucht, sollte man meinem Rat nicht folgen wollen, sind Geduld, Detailversessenheit, Geduld und noch etwas Geduld. Ah, und auch sehr viel Fleiß.

Unser Dank für die Bereitstellung der Bilder und die Bereitschaft, unsere Fragen zu beantworten geht an Alessio Leonardi und den Hermann Schmidt Verlag.

 

Mr. Typo und der Schatz der Gestaltung
96 Seiten, 400 farbige Zeichnungen
Format 17 x 24 cm
Festeinband mit Fadenheftung
ISBN 978-3-87439-858-9 Zu haben ist es für 19.90€
direkt über den Hermann Schmidt Verlag Mainz,
im Buchhandel,
oder zum Beispiel über Amazon
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