Erste Schritte

Rezension: Illustration - 100 Wege einen Vogel zu malen

Es ist das dritte Buch von Felix Scheinberger im Hermann Schmidt Verlag Mainz nach „Mut zum Skizzenbuch“ und „Wasserfarbe für Gestalter“. Von Außen hat es auch mit den anderen die eine oder andere Ähnlichkeit, etwa den Leinenrücken in nun der dritten Schattierung oder den geprägten Titel. Genauso hoch wie die anderen beiden ist es auch und so tief wie eines davon.

Dieses Buch allerdings versteht sich, laut Vorwort, als ein „Lesebuch Illustration“ und ist damit auch erwartbar textlastiger als die anderen beiden. Trockene Bleiwüste erwartetet einen allerdings nicht. Denn zum Einen schreibt Scheinberger sehr lesbar, zum anderen illustriert er hier nun nicht allein, sondern mit 176 Kollegen. Das Buch ist bunt, kaum eine Doppelseite ähnelt einer anderen und das Einzige, was diese ganzen Bilder und Zeichnungen verbindet, ist das Thema: nämlich Vogel. 
Viele, viele Interpretationen warten da zwischen den Seiten, völlig unterschiedliche Umsetzungen, die vielleicht auch Bewerbern in der Mappenphase vor Augen führen können, wie extrem unterschiedlich sich zu einem Thema arbeiten ließe, das so konkret und für alle greifbar ist wie Vogel. Es sind dann nicht nur zehn oder zwanzig Ansätze und Umsetzungen, sondern etliche Bilder - ohne Wiederholung. Diese Vögel sind im Format genauso unterschiedlich wie in der Machart und den Stilen. Da reicht es von kleinsten, die nur ein paar Zeilen hoch sind bis hin zu den doppelseitigen, die die drei großen Abschnitte im Buch einläuten. Illustrationen durchziehen das gesamte Buch ganz passend zum Thema, zeigen und feiern so deutlich, was Illustration kann. Auch 177 Illustratoren müssen zwangsläufig eine Auswahl sein. Aber die hier ist hübsch heterogen.
Hier finden sich eine ganze Reihe früherer oder jetziger Illustrations- oder Zeichenprofs, aber genauso hat es Arbeiten von Studierenden. Hochschulabgänger treffen auf Autodidakten. Verschiedene Generationen an Zeichnern mit ganz unter- schiedlichen Lebensläufen sind vertreten und es sind lang nicht ausschließlich deutsche Illustratoren, sondern wird international. Neben aktuell Aktiven hat es kleine Bilderdenkmäler für einige verstorbene Zeichner; und wie etabliert und bekannt sie alle sind, schwankt auch. Sicher gibt es vom ein oder anderen mehr als eins zu sehen, aber sonst stehen sie da alle nebeneinander, nur mit der Illustration und dem Namen darunter oder daneben, ganz verträglich und gleich.  Letztlich begleiten und bereichern sie alle den Text und zeigen ganz nebenbei wie weit das Feld ist, wenn wer nach einem Vogel fragt.

Der Text wiederum hat sich zur Aufgabe gemacht, Fragen dazu zu beantworten, wie man Illustrator wird, wie man als einer arbeitet und wie man damit überlebt. Scheinberger maßt sich nicht an, letztgültige Antworten auf alle Fragen zum komplexen Thema Illustration zu geben, aber er bietet seine an. Das Buch ist informativ, aber kein trockenes Fachbuch, das bemüht neutral und möglichst standpunktlos Fakten vermitteln will. Eher sind die Kapitel hier Essays zum gestellten (Unter-)Thema. Als solche zehren sie von gesammelten Informationen, von Wissen, aber sind auch ganz sichtbar gespeist von persönlicher Erfahrung und getragen vom eigenen Standpunkt des Autoren. Im Ergebnis fällt gar nicht auf, dass das Buch dreihundert Seiten stark ist.

Illustration - 100 Wege einen Vogel zu malen, S. 4:

„Illustrare“ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Erleuchten“. Beim Illustrieren reflektiert man nicht nur Wirklichkeit, man erschafft etwas Neues, schenkt der Welt eine neue, eigene Sicht. Illustration ist in der Lage, zu erklären oder zu veranschaulichen, sie kann ergänzen, vermitteln und vertiefen. Sie kann inhaltliche oder künstlerische Aspekte entfalten oder einfach nur schön sein. Illustration ist so unterschiedlich wie die Menschen, die sie schaffen.

So definiert Scheinberger im Vorwort selbst Illustrieren und Illustration, bevor er dann als Ziel des Buchs absteckt: die Beantwortung vieler möglicher Frage dazu, wie man Illustrator wird, ist und bleiben kann. „Illustrator werden?“ ist dann der erste der drei großen Abschnitte des Buchs und der philosophischste der drei. Er ist auch einer von den beiden, die sich sicher auch auf anderes gestalterisches und künstlerisches Arbeiten beziehen lassen. Hier gibt es das Kapitel dazu, wie und wo man Illustration studieren kann, aber es ist eines von einundzwanzig ganz verschiedenen. Die Kapitel hier wirken wie Schlaglichter auf bestimmte Fragen oder schneiden Themen an, die alle mit dem Anfangen zu tun haben, mit Illustrieren oder Zeichnen. Vor allem aber machen sie Mut, gerade auch Mut zum Ausprobieren und Fehler machen. Ist Talent wirklich die „ererbte Gottesgabe“ fragt da Scheinberger oder was eigentlich hinter der lähmenden Angst vorm weißen Blatt steckt. Vom persönlichen Blick auf die Welt, der in Zeichnungen fließt, handelt es hier. Dann gibt es konkrete Tips zum Ideenfinden. In diesem Abschnitt rät Scheinberger zur „Magie des Machens“ und dazu sich nicht mit der Suche nach dem eigenen Stil zu fesseln, weil der sich eher ergeben wird als erjagt zu werden. Natürlich ist da auch das Kapitel zur Frage, ob sich Kunst und Illustration wirklich als Gegner gegenüberstehen. Dass sich gute Ideen nicht googeln lassen, befindet Scheinberger dort und grübelt darüber, warum Skizzen leichter und schwungvoller wirken mögen als die spätere Ausarbeitung. Passend dazu, dass dann der nächste Großabschnitt des Buchs sehr viel konkreter und praktischer wird, schließt dieser hier dann mit Leitfarben, Perspektive und Bildausschnitt und Papiervorbereitung.

25 Kapitel fasst der nächste große Buchteil„Illustrationstechniken“ und liefert genau das, was die Überschrift nennt. Damit ist es ein Blick auf eine Vielzahl an Methoden, um ein Bild im Kopf auch aufs Papier oder die Leinwand zu bringen. Wie der Buchabschnitt davor auch, halte ich den hier für eine schöne Anregungsquelle auch gerade für die Mappenarbeit. Hier passen dann die Illustrationen auch in der Technik zum jeweiligen Kapitel, das sie bebildern. Zeichen-, Mal- und Drucktechniken finden hier ihren Platz in jeweils eigenen kleinen Kapiteln, genauso wie Gestaltung am Rechner mit Photoshop und Illustrator. Jeder Werkstoff kommt da mit einem Stück Materialkunde und Geschichte, ganz egal, ob es nun die Erfindung des Kugelschreibers ist oder die Zusammensetzung von Temperafarbe. Oft finden sich auch ganz konkrete, praktische Tips, etwa, was man mit einer Kreide anstellt, dass sie nicht mehr quietscht oder welches Papier sich für die Technik eignet, die man da gerade hat. Auch das hier ist wie privates Ateliergeplauder gehalten. Auf mich wirkt es, als würde man wem über die Schulter sehen, der gerade erklärt, warum er eigentlich gerade den Stift wählte, den er in der Hand hat, warum der gerade hierfür gut ist und dafür nicht. 

Der dritte und letzte der großen Abschnitte sammelt Kapitel zum „Überleben als Illustrator“. Viel davon wird vielleicht in Teilen auch für andere freiberufliche Gestalter interessant sein. Für Studienbewerber allerdings ist es wahrscheinlicher ein Ausblick in die Ferne, aber auch einer, der entscheiden helfen mag.
Von den drei großen Abschnitten ist der hier der mit den eigentlich kernigsten, schwerverdaulichsten Themen darunter und auch der, der durchaus benennt, wie schwierig sich dieses Überleben gestalten kann. Mal sind es Kapitel, die sehr dicht Informationen etwa zu Nutzungs- und Urbeherrechten, Verbänden, der Künstlersozialkasse oder ähnlichem vermitteln. Mal sind es auch welche, die eher persönliche Erfahrung wiedergeben und Tips daraus ableiten, etwa dazu sein Atelier von der Wohnung zu trennen und möglichst ordentlich zu halten oder warum man die Kritik dem Gegenüber überlassen sollte und sich nicht selbst schon kleinlaut präsentieren muss.
Alles hier is praktisch orientiert, widmet sich der überzeugenden Präsentation des eigenen Portfolios, der Akquise von Kunden,Verhandlungen, Preisen und Verträgen und Absicherungen. Allerdings ist es kein Abarbeiten der Punkte, auch hier wird das Buch nicht zum langweiligen Nachschlagewerk und selbst in den informativsten Kapiteln scheint Scheinbergers eigene Position immer durch.

Fazit: „Illustration - Hundert Wege einen Vogel zu malen“ ist kein Lexikon zur Illustration und sicher auch keine der Anthologien, die zu jedem Namen Lebensdaten liefern. Aber es ist ein Buch, das Lust auf Illustration macht und in lockerem Plauderton durch eine enorme Vielzahl von Themen führt und so gleichzeitig unterhält und informiert.
Scheinberger hält nie mit seiner persönlichen Auffassung und seinen Standpunkten hinter dem Berg. Er versucht gar nicht, irgendwie neutral und von sich getrennt Fakten zu vermitteln. Aber genau das ist es, was es für mich authentischer und lesenswerter macht.
Viele Schwierigkeiten, in die ein angehender oder bereits aktiver Illustrator laufen kann, werden benannt. Trotzdem ist es ein heiteres, schwungvolles Buch, das zu Mut aufruft ohne dafür den Realismus aufgeben zu müssen.
Nicht zuletzt wird es getragen, bereichert und verschönert durch die vielen unterschiedlichen Illustrationen. Sie sind schließlich das greifbarste Argument dafür, dass Illustration tatsächlich „so unterschiedlich (ist) wie die Menschen, die sie schaffen.“ 

 

 

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Illustration - Hundert Wege einen Vogel zu malen 
328 Seiten
ca. 600 farbigen Abbildungen
Format 17,3 x 24 cm
Fadengehefteter Halbleinenband
mit zweifarbiger Prägung
ISBN 978-3-87439-833-6

Zu haben ist es für 39.80€
über den Hermann Schmidt Verlag Mainz,
im Buchhandel,
oder  bei Amazon.



Die Bilder in diesem Artikel wurden uns freundlich vom Hermann Schmidt Verlag Mainz zur Verfügung gestellt. Besten Dank dafür.

 

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