Die Mappe - Studium vor dem Studium Teil 3

Nachdem sich der zweite Teil der Artikelreihe Die Mappe – Das Studium vor dem Studium mit den Parallelen zwischen Mappenerstellung und Studium befasst hat und damit, was denn nun in die Mappe kann und was nicht, soll der dritte Teil Antworten auf die Fragen geben: Wie gehe ich bei der Erstellung einer Mappe sinnvoll vor? Wie und wo fange ich an?

Prinzipiell sollte man sich vor Beginn des Werks, noch bevor man Papier und Stift zur Hand nimmt, überlegen, welches Thema der Arbeit zugrunde liegen soll und aus welchem Grund man sich dafür entschieden hat. 
Die folgenden Schritte, die nach Bedarf beliebig oft wiederholt werden können, bilden die Bausteine eines erfolgreichen Arbeitsprozesses.

Verstehen: Nachdem ihr euch für ein Thema entschieden habt (sofern es nicht sowieso schon von der Hochschule vorgegeben wurde), geht es daran, das Thema zu verstehen, sich damit zu befassen, sich zu informieren und zu recherchieren. Oft stößt man bei der Recherche (sei es im Internet, in Büchern, in Zeitschriften, im Fernsehen) auf interessante Dinge, die man als Inspirationsquelle nutzen oder die man sogar in seine Arbeit integrieren kann. Nur wer sich intensiv über sein Thema informiert und sich mit ihm auseinandersetzt, kann auch kreativ arbeiten und neue, unkonventionelle Wege gehen. Eine schlechte Recherche oder ein Nicht-Verstehen des Themas führen häufig zu oberflächlichen Arbeiten oder Klischeearbeiten, da man sich so nur auf das beziehen kann, was man glaubt über das Thema zu wissen (und das sind eben häufig nur Vorurteile).

Prof. Hans Lamb - HAWK Hildesheim, Vorsitzender Prüfungskommission:

Eine altbekannte aber sicherlich immer noch gangbare Strategie ist es, ein Thema quer durch die Sparten auf unterschiedliche Weise zu bearbeiten bzw. zu interpretieren. Dabei sollte man aber unbedingt daran denken, dass alle professionellen Prüfer über die Jahre hinweg schon so viele Bananen-, Apfel-, Tänzerinnen- und Kussmund-Variationen gesehen habe, dass damit eher kein Preis mehr zu gewinnen sein dürfte. Man ist also gut beraten, sich bei der Suche nach Themen und Motiven wirklich Zeit für die Suche nach individuellen, unverbrauchten Ideen zu nehmen, die einen selbst wirklich berühren und faszinieren.

Der Arbeitsprozess während der Mappenerstellung auf einen Blick.
Seine Basis bildet die Abfolge der Schritte: Verstehen – Beobachten – Idee – Testen – Verfeinern – Ausführen, die je nach Bedarf individuell variiert oder wiederholt werden können. Stellt man beim Testen einer Idee beispielsweise fest, dass diese nicht funktioniert, wird man zurückspringen und eine erneute Recherche bzw. Beobachtungen anstellen, um zu einer neuen Idee zu gelangen.

Beobachten: Geht raus, untersucht eure Umgebung auf Dinge, die im Hinblick auf euer Thema und für eure Arbeiten interessant sein könnten. Sprecht mit Menschen, die sich schon seit Längerem mit eurem Thema befassen oder diesbezüglich Fachkenntnisse oder eine besondere Sichtweise darauf haben könnten (Experten, Kinder...). Lasst euch inspirieren, schafft Verknüpfungen und Assoziationen zwischen eurem Thema und eurer Umwelt. Nehmt all eure Eindrücke ungefiltert mit, egal, wie absurd sie im ersten Moment vielleicht erscheinen. 

Ideenfindung: Nach dem Verstehen und Beobachten geht es nun darum, all das, was ihr recherchiert und wahrgenommen habt - all eure Eindrücke und Einfälle - zu ordnen und in eine konkrete Idee zu verwandeln. Fertigt z.B. eine Mind-Map an. Wie das System Mind-Map funktioniert, seht ihr hier. Diese kann euch dabei helfen, den Überblick zu behalten und die gesammelten Erfahrungen und Eindrücke zu ordnen und zu visualisieren. Außerdem kann sie helfen, Verknüpfungen zwischen verschiedenen Punkten zu schaffen, die man andernfalls eventuell übersehen hätte. 
Oft hilft es auch, einfach mal anzufangen und sich nicht zu viele Gedanken in der Theorie zu machen. Meist sieht das Ganze praktisch anders aus, als man es sich im Vorfeld vorgestellt hat. Macht Skizzen und Entwürfe, probiert verschiedene Medien aus. Oftmals verwandeln sich die Eindrücke während des Arbeitens erst in eine konkrete Idee.

Testen: Sobald ihr eine erste Idee habt, testet diese. Oftmals reicht es, seine Idee einem Freund oder jemandem aus der Familie vorzustellen. Wichtig dabei ist es, genau zuzuhören, was der Gegenüber zu sagen hat. Es sollte euch nicht darum gehen, die Idee zu verkaufen oder möglichst viel Lob dafür einzuheimsen, sondern darum, Schwächen eurer Idee zu erkennen und herauszufinden, was ihr besser machen könnt. 
Tipp: Je detaillierter die Ausarbeitung, desto detaillierter das Feedback! 
Häufig reichen wenige Striche, um eine Idee zu kommunizieren und deren Grundlagen zu diskutieren. Ihr müsst hierbei nicht allen Ratschlägen folgen! Oftmals ist es gut, sich mehrere verschiedene Meinungen während des Schaffensprozesses einzuholen.

Verfeinerung: Sobald ihr eure Idee so weit entwickelt habt, dass sie konzeptionell tragfähig scheint, kümmert ihr euch um die Feinheiten bei der Umsetzung. So stellt sich zum Beispiel häufig die Frage nach dem richtigen Medium, um eure Idee visuell ansprechend und für den Betrachter zugänglich zu machen. Auch hier ist es sinnvoll einfach einmal verschiedene Medien auszuprobieren. Es nützt meist nichts, das Ganze theoretisch in seinem Kopf durchzugehen, denn im Endeffekt muss die Arbeit in der Praxis funktionieren. Die Antwort auf die Frage nach dem richtigen Medium findet man deshalb nur, indem man verschiedene Medien in der Praxis ausprobiert! Auch an dieser Stelle kann es nochmals hilfreich sein, mit anderen Menschen über seine Idee zu reden und ein Feedback einzufordern. Arbeitet man nämlich lange und intensiv an einem Projekt, neigt man dazu, betriebsblind zu werden, sodass einem eigene Fehler und eventuelle Unstimmigkeiten nicht mehr auffallen. Außerdem muss die Arbeit ja für Außenstehende schlüssig und verständlich sein.

Ausführung: Sind dann nach einem langen Entwicklungsprozess alle offenen Fragen geklärt und die Idee zur eigenen Zufriedenheit ausgereift, kann es endlich an die Ausführung gehen. Aus Skizzen und Entwürfen wird dann ein Bild auf der Leinwand, unförmige Formen verwandeln sich in animierte 3D-Character, die über den Bildschirm hüpfen, Fotos, die vorher nur auf dem PC existiert haben, werden zu großen Postern geplottet. Und so wird auch der Mythos Mappe allmählich real und nimmt Gestalt an. Sowohl die Erstellung der Mappe als auch die Projekte im Studium sind im Grunde genommen also ein Entwicklungsprozess und genau diese Entwicklung (also: Wie ist der Bewerber zu seinem Endergebnis gekommen?) möchten die Professoren gerne in den Mappen der Bewerber sehen. Auf diese Weise können sie sich ein Bild davon machen, wie der Bewerber denkt, wie er vorgeht und was er sich bei seiner Arbeit gedacht hat. Sie können seine Arbeit also besser nachvollziehen. Skizzenbücher, Dokumentationen eures Entwurfs-und Arbeitsprozesses sowie experimentelle Serien oder Studien sind daher in Mappen erwünscht.

Prof. Andreas Ingerl - HTW Berlin, Stellv. Vorsitzender Prüfungskommission:

Das fertige „Endprodukt“ ist meist das Ziel eines Projekts, sei es im Studium oder in der Praxis. Aber sehr häufig sagt das Endergebnis nur noch marginal etwas über den Entstehungsprozess aus. Aber genau dieser Entstehungsprozess könnte uns in vielen Fällen durchaus interessieren oder uns mehr zeigen, wer Sie wirklich sind und was sie von uns, innerhalb des Studiums, wollen. Wir wollen sehen, dass Sie in Varianten und Prozessen denken können. Dass Sie entwerfen, aber auch verwerfen können. Dass Sie bereit sind, sich mit uns auf eine Reise zu begeben, deren Ziel noch nicht von der ersten Idee vorbestimmt ist. Dieses Gefühl sollte uns eine Mappe im Idealfall vermitteln.

Jeder, der kreativ arbeitet und Projekte realisiert, kennt den Entwicklungsprozess bis hin zur fertigen Arbeit. Der Weg führt dabei über verschmierte Skizzen, wüst aussehende Mind-Maps und Modelle, die häufig alles andere als perfekt sind. Daher sollte man sich als Studienanwärter auch von dem Glauben lösen, eine Mappe müsse perfekt sein! Oftmals sind genau diese Skizzen, Mindmaps und Modelle den Professoren lieber als ein reingezeichnetes Bild, da sie die Vorgehensweise des Bewerbers besser dokumentieren, als es das fertige Bild je könnte. 
Natürlich gibt es auch hierbei Ausnahmen, also Mappen mit ausschließlich fertigen Bildern ohne ersichtlichen Entstehungsprozess, die an den Kunst- und Fachhochschulen dieser Welt angenommen werden. Wenn die Arbeiten gut gemacht und kreativ sind und sie eine Idee unkonventionell und visuell ansprechend kommunizieren, spricht mit Sicherheit nichts dagegen, dass sich auch solch eine Mappe erfolgreich gegen die Konkurrenz durchsetzen kann. Fakt ist allerdings dennoch, dass dies nicht ganz einfach ist und Skizzen und Ähnliches die Mappe durchaus positiv aufwerten.

Aber egal, für welche Vorgehensweise man sich nun entscheidet, ob fertige Arbeiten oder Skizzen, für alle Bewerber gilt: Es ist wichtig, bei der Mappenerstellung einen ruhigen Kopf zu bewahren und sich im Vorfeld nicht zu viel Stress zu machen, auch wenn das natürlich leichter gesagt ist als getan. Man sollte die Mappe nicht als etwas begreifen, das man machen muss, um einen Studienplatz zu bekommen, sondern als eine Herausforderung für sich selbst, als das erste eigene kleine künstlerische Projekt, ein Studium vor dem Studium sozusagen.

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